Massi on the road: Radikal nachhaltig unterwegs

Für alle, die sich schon einmal gewundert haben, was dieses blau-weiße-Logo “Sustainable Couch” denn auf der Homepage von littlemissitchyfeet bedeutet: Einfach drauf klicken! Oder hier mein Interview mit dem Erfinder der Plattform lesen: 

Über ein Jahr ist es jetzt her, dass mein Freund, der Italiener Massimiliano Schiliró sein Projekt “Sustainable Couch” gegründet hat (Mehr dazu findet Ihr in meinem Interview, das ich 2011 mit ihm gemacht habe). Mittlerweile sind über 400 MitgliederInnen im Netzwerk, das mehr will als das kostenlose Übernachten bei Leuten auf Reisen wie es CouchSurfing und andere Gastfreundschafts-Plattformen bieten. Bei Sustainable Couch geht es darum, “nachhaltige Surfing- und Hosting-Erfahrungen zu machen, engagierte lokale Gruppen zu fördern und ein weltweites Netzwerke bewusster und aktiver Mitglieder zu schaffen”, erklärt Massi.

“Be informed, share information, get active and have fun!” – So das Motto von Sustainable Couch, dessen Botschafter Massi seit seinem Weggehen aus Österreich im Sommer 2011 unterwegs ist. Seit 10 Monaten reist er durch Südamerika, hat Brasilien, Uruguay, Chile, Peru, Bolivien und Argentinien, wo wir uns auch wieder getroffen haben, gesehen. Zu Rio+20 kam er zurück nach Brasilien, wird dort noch 2 Monate verbringen, bevor er Venezuela und Kolumbien erkunden möchte. “Die Hauptziele der Reise bestehten darin, die Welt zu sehen und Menschen und ihre Kulturen kennen zu lernen”, antwortet Massi auf die Frage, worum es ihm geht: “Dadurch will ich die Welt besser verstehen, von den Leuten viel lernen und Werkzeuge entwickeln, womit ich meinen kleinen Beitrag für eine bessere, nachhaltigere Welt leisten kann.” Letzteres tut er schon unterwegs: Mit Vorträgen zu Sustainable Couch und nachhaltigem Leben, Free Hugs-Kampagnen, der Einführung von Free Box* bei CouchSurfing-Treffen und vielem mehr.

Von seinen Aktivitäten erzählt er nicht nur auf seinem privaten Blog, sondern auch in der Sustainable Couch-Gruppe auf Facebook, über den Newsletter von Sustainable Couch und heute, hier bei mir:

Massi, du bist jetzt seit über 10 Monaten unterwegs: Was hat dich am meisten an der Reise überrascht?
Massi:
 Was mich insgesamt am meisten überrascht hat, ist die Gastfreundschaft der Leute! Oder, besser gesagt, die Intensität dieser Gastfreundschaft! Ich bin die meiste Zeit bewusst mit CouchSurfing gereist, und das läuft noch besser, als ich mir gedacht – gehofft hatte! Jede_r Gastgeber_in hat mir nicht nur eine Couch (oder meistens ein Bett) zur Verfügung gestellt, sondern das ganze Haus und ihre Freundschaft. Überall hatte ich das Gefühl, willkommen zu sein. Ein Beispiel: Ich war in Uruguay noch ohne Couch, und wollte unbedingt von Alex gehostet werden, weil er in einer kleinen Farm neben Punta del Este wohnte. Er hatte keine Couch anzubieten, ich hatte kein Zelt zum Aufstellen in seinem Garten. Die Lösung: Er hat mir einen Container “eingerichtet”, mit Licht, Tisch und Stuhl. Und ich habe dort auf meiner aufblasbaren Matratze geschlafen, insgesamt 10 Nächte. Vormittags habe ich ihm ein bisschen geholfen, Rucola in seinem Feld zu pflücken. Nachmittags bin ich oft insgesamt 8 Km gelaufen, um einen wunderschönen einsamen Strand zu erreichen. Weihnachten habe ich mit ihm und seinen Freund_innen und es war ein unvergesslicher Abend.

Was stellte bisher die größte Herausforderung dar auf der Reise?
Massi: Die Größe des südamerikanischen Kontinents! Ich wusste zwar, dass ich viel Zeit zum Reisen habe. Und ich habe ich mich entschieden, während meiner ganzen Reise nur 2 Mal zu fliegen (Hin- und Rückflug nach Europa). Daher bin ich die ganze Zeit nur mit Bus, Zug und Boot gereist, insgesamt schon 30.000 KM. Das macht mir meistens Spaß und lohnt sich sehr, um das Land besser kennen zu lernen und die Landschaften zu sehen. Aber mehr und mehr merke ich, wie gigantisch die Länder sind, Brasilien allein so groß wie ganz Westeuropa. Und die Strapazen einiger Busfahrten, vor allem in Peru und Bolivien, haben einige Spuren hinterlassen.

Sprachlich gesehen was es hingegen soweit alles leichter als gedacht: Spanisch und Portugiesisch beherrsche ich mündlich ziemlich gut und kann mich über jedes Thema unterhalten. Und kulturell fühle ich mich auch mittlerweile wie ein Lateinamerikaner.

Welche Person, der du begegnet bist, hat dich am meisten beeindruckt?
Massi:
Auf Reise lernt man so viele Leute kennen! Aber hier sind einige der besten Leute, mit denen ich großartige Erfahrungen hatte und die man unbedingt kennen lernen soll:
- Den schon erwähnten Alex in Uruguay
- Albert, ein 60-jähriger Kolumbianer, der seit Jahren in Salvador, Brasilien, lebt. Er ist ein großartiger Gastgeber. Dazu hat er im Landesinneren der Bahia ein Öko-Projekt gestartet, wo er sowohl Woofer-Volontäre als auch CouchSurfers aufnimmt. Ich habe dort schon 10 Tage gearbeitet und die Erfahrung sehr genossen. In ca. 2 Wochen bin ich wieder dort für 10 Tage beim Ökoprojekt
- Adriana, Koordinatorin einer Don Bosco Schule in der Favela do Jacarezinho, Rio de Janeiro. Ich habe nach der Rio +20 für eine Woche als Volontär in dieser Schule gearbeitet und insgesamt 20 Workshops und Präsentationen für ca. 300 Schüler_innen gehalten, zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Adriana hat mich immer unterstützt, und wir haben zusammen eine kleine aber coole “Umweltwoche” in der Schule organisiert!
- Meine Mutter! Sie besucht mich gerade für 3 Wochen in Brasilien, sie hat sogar CouchSurfing mit mir in Rio ausprobiert und sie ist insgesamt eine sehr gute Reise-compañera :-)

Und viele Leute mehr, die ich zwar nicht persönlich nenne, aber die in meinem Herzen einen speziellen Platz haben!

Wie würdest du deine Reise in 3 Worten beschreiben?
Massi: lebensfreudig, anpassungsfähig, radikal

Wenn jemand dir folgen möchte, was würdest du demjenigen auf den Weg mitgeben oder was hättet du gern vorab (besser) gewusst?
Massi:
Demjenigen wurde ich einfach sagen: Sei mutig und leg los! Die mutigste und schwierigste Entscheidung ist es nämlich, das “normale Leben zu Hause” zu verlassen und die Reise zu starten. Danach läuft alles bestens, wenn man VIEL Geduld hat. Geduld mit sich selbst, Geduld mit den anderen  Leuten und Geduld mit äußeren Ereignissen, die man nicht wirklich beeinflussen kann. Das Leben auf Reise ist extrem spannend, manchmal anstrengend, aber es ist das Beste, was ich jemals erlebt habe. Ich wache jeden Tag auf und spüre, dass ich glücklich bin.

Ich hätte gern vorab besser gewusst, wie man aufhören kann zu reisen, wenn man einmal gestartet ist!

Was sind deine weiteren Pläne – auch fürs Heimkehren? Was möchtest du mit der Reise und den Ergebnissen daraus machen?
Massi: Ich habe vor bis kurz vor Weihnachten zu reisen, danach will ich zurück nach Italien fahren und einige Monate mit meiner Familie verbringen. Da will ich vieles mit meinen Eltern – die ich sehr vermisse – unternehmen. Ich habe auch vor, eine tiefe Reflexion über meine ganze Reise durchzuführen, meine Reisetagebücher wieder zu lesen, all die Fotos wieder anzuschauen. Ich möchte gern einige Präsentationen über meine Erfahrungen in den lokalen Schulen halten, und auch im kleineren Kreis für meine Verwandte und Freund_innen. Ich möchte ihnen ein bisschen erklären, was ich in meiner so langen Reise so gemacht habe, und ihnen auch klar sagen, dass ich sie gern habe und sehr vermisste!

Was danach kommt…das weiß ich noch nicht ganz genau, und das ist gut so :-)

Was hast du gelernt auf deiner Reise – was möchtest du den Daheimgebliebenen mitteilen, was sie wissen sollten?
Massi:
Ich habe gelernt, dass Demut sehr wichtig ist, vielleicht sogar das Wichtigste ist! Respektvoll und demütig mit den Leuten umgehen, das ist der Schlüssel für meine gelungene Reise. Es ist natürlich ein Lernprozess, der nie endet, aber ich bin sehr zufrieden, weil ich die interkulturelle Kompetenzen erfolgreich anwenden konnte, die in der Uni auf Theoriebasis erlernt hatte.

Was war bisher der schönste Tag auf Deiner Tour?
Massi: 
Hmm, schwierige Frage, daher sage ich zwei Tage. Der Erste: Der Besuch von Machu Picchu als Krönung einer unvergesslichen Woche im Valle Sagrado. Am Vortag habe ich nicht den touristischen Zug genommen, um Machu Picchu zu erreichen, sondern ich bin viele Kilometer entlang der Gleise gegangen. Und dann bin ich an jenem Sonntag um 5 Uhr aufgewacht, bin eine Stunde im Dunkeln gegangen und um 6 Uhr habe ich Machu Picchu erreicht: voll verschwitzt und sehr froh :-)

Der zweite: Der Ankunftstag meiner Mutter. Nachdem ich meine Mamma für mehr als 9 Monate nicht mehr gesehen hatte, bin ich wie ein Kind vor Freude in Tränen gebrochen, als sie um 6 Uhr in der Früh am Flughafen in Rio erschienen ist. Wir hatten dann einen fantastischen Tag in Rio: wir haben in Copacabana gebadet und haben einen wunderschönen Sonnenuntergang beim Pao de Azucar gesehen!

Danke, Massi, und wir sehen uns wieder :-) Irgendwo…                     

Mehr:
Massis Bericht von Rio+20 (PDF)

*Free Box: Box, in der jeder einen Gegenstand hineingeben kann, den er nicht mehr nutzt und einen anderen, den er brauchen könnte, herausnehmen kann)

                                  

 

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